Kulturschock an einer ausländischen Schule. Erfahrungsbericht einer angehenden Lehrerin in Tschechien


 

Kulturschock in Tschechien?

„Das wird eine einmalige Auslandserfahrung…“ sagten sie. 

 

Von der gesellschaftlichen Vorstellung eines Auslandsaufenthaltes und einer unentschlossenen Praktikantin – ein Erlebnisbericht aus Prag.

 

Ich bin Susanne Burgert, 22 Jahre alt und studiere im siebten Semester Deutsch und Philosophie auf Lehramt an der Universität zu Köln. Dieses Semester habe ich im Rahmen meines Lehramtsstudiums ein Praktikum an einem deutschsprachigen Gymnasium in Prag gemacht. Grund dafür war unter anderem, danach sagen zu können, dass auch ich während meines Studiums einen Auslandsaufenthalt absolviert haben würde. Ich ging davon aus, dass mich diese Zeit prägen würde, wie sie es doch bei den meisten tut. Doch das sehen nicht alle so. Ich bin mehreren Menschen begegnet (in Köln, in Prag, in der Familie, unter Freunden, im Kollegium), die mich eher belächelt haben, wenn ich davon sprach, im Ausland zu leben. Ist es nicht mein Recht, auch auf fünf Wochen Prag an einer deutschen Schule stolz zu sein? Ich bin mir selbst nicht mehr so sicher…

 

Ich habe das Gefühl, dass der Kulturschock zu einem Auslandsaufenthalt dazu gehört. Ohne ihn ist es irgendwie nicht die Erfahrung, die man sich erhofft hat zu machen, oder? Nun sehen wir uns diesen Kulturschock doch mal genauer an und klären dann, ob ich einen „ernsthaften Auslandsaufenthalt“ hinter mich gebracht habe:

 

Kulturschock Phase 1: Honeymoon

Ja, die Fahrt zum Flughafen und der Weg alleine zum Gate war schon irgendwie komisch. Obwohl ich wusste, was auf mich zukommen wird. Ich kannte Prag, ich kannte deutsche Schulen, ich bin schon öfter geflogen und auch das Wohnen in einem Air BnB war mir nicht unbekannt. Ich bin also relativ gelassen und entspannt in Prag angekommen, hab mich in der Wohnung eingerichtet und mein Englisch aufgefrischt. Ein kurzer Blick aus der Tram auf die Moldau und hoch auf die Prager Burg reichte, um meine Entscheidung zu bestätigen. Ich fühlte mich selbstständig, reif und als wahre europäische Studentin.

 

Am ersten Tag sollte gleich mein Praktikum starten. Und auch wenn der Kontakt zu den Kollegen nie so eng und vertraut wurde wie in den Praktika zuvor, fühlte ich mich doch gut und buchte es als Erfahrung ab. Direkt zwei Tage später kam mich meine Mama besuchen. Ich zeigte ihr die Stadt und war stolz auf das Ganze. Wir verbrachten die seit langem schönste Zeit zusammen. Also ja, Honeymoonphase, Check!

 

Kulturschock Phase 2: Krise

Ja, auch die Krise hatte ich miterlebt. Ich fühlte mich einsam, besonders da bis zur dritten Woche noch keine anderen Praktikanten mit an der Schule waren. Ich konnte mich mit niemandem so richtig austauschen, außer mit den Menschen von zu Hause, die ich dadurch umso mehr vermisste. Ich resignierte – und verbrachte die Nachmittage und Wochenenden im Bett mit Netflix und Pasta anstatt Prag zu entdecken und all die Dinge zu tun, die ich in dieser freien Zeit machen wollte. Lange würde ich nicht mehr die Zeit haben, so viel zu Zeichnen und zu Fotografieren. Ich fühlte, dass ich scheiterte und kam aus dem Loch nicht hervor. Der Höhepunkt war, als ich meine ganzen negativen Gefühle über mehrere Minuten auf eine dicke, schwarze Spinne transportierte. Tränenüberströmt (Ich habe eine Spinnenphobie – in einen Altbau zu ziehen, war wohl nicht so schlau) rief ich meinen Freund an und wusste nicht, wie ich das alles schaffen sollte.

 

Kulturschock Phase 3: Erholung und Anpassung

Ich schaffte es irgendwie, mich an den Alltag zu gewöhnen. Netflix hatte ich, wenn überhaupt, nur noch gezielt genutzt, und nicht, um irgendwie passiv am leben erhalten zu bleiben. Hilfreich war der Kontakt zu einer Praktikantin, die bereits Erfahrung mit dem Ausland hatte und mit der ich mich menschlich einfach super verstand. Wir unternahmen auch viel außerhalb der Schule. Außerdem war es extrem bereichernd, eine konkrete Aufgabe zu bekommen: In zwei Philosophiekursen der Oberstufe ein Essaytraining leiten und rund fünfzig Essays zu bewerten und Feedback zu geben. Ich hatte es ausgerechnet: Zur Korrektur alleine habe ich sechzehn Stunden gebraucht. Diese sechzehn Stunden haben mich sehr zufrieden gestellt, da ich mich nicht mehr nutzlos gefühlt habe. Die Arbeit habe ich in ein Café verlegt – mit Kaffee, Kuchen und Rotstift beobachtete ich die Menschen um mich herum und nahm endlich das Treiben in der Stadt wahr. Gegen Abend ging es dann nach Hause, und ich war zufrieden mit mir.

 

Kulturschock Phase 4: Rückkehr (ohne Rückkehrer-Schock)

In dieser Phase sollte ich mich jetzt wohl befinden. Es ist jetzt eine Woche her, dass ich nach Hause gekommen bin. Doch irgendwie hatte ich noch keine Zeit, mich an die Zeit in Prag zurück zu erinnern und diese Zeit zu reflektieren. Ich stand seit dem nächsten Tag permanent unter Stress und kann irgendwie gar nichts zu dieser Zeit sagen, ob ich es bereue oder vermisse oder so was. Auf jeden Fall empfinde ich keinen erneuten Kulturschock hier zu Hause.

 

Reflexion: Heißt das, es war kein „richtiger“ Auslandsaufenthalt?

Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Es kann keine Auslandserfahrung gewesen sein, wie sie „sein sollte“. Schließlich hat sich für mich nicht viel geändert und ich beschäftige mich gedanklich mit den gleichen Dingen wie zuvor: Was steht als nächstes an? Wie kann ich meine Zeit effizienter nutzen? Wie bringe meine Freizeit in dem ganzen Stress unter? Ein typisches Bologna-Opfer eben. Andererseits bin ich dem ein oder anderem Ziel gerecht geworden. Ich habe erfahren, wie es sich für mich anfühlt, alleine zu wohnen, wo anders zu leben, niemanden zu kennen, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Auch wenn ich es noch nicht genau beschreiben kann, wie es war, habe ich doch die Erfahrung gemacht. Ich weiß jetzt, dass ich wirklich sehr an meiner Familie und meinen Freunden hänge, dass ich eine Aufgabe brauche, um zu leben und dass ich stolz auf meine Heimat Köln bin.

 

Meine Auslandserfahrung

Ich kann die Meinung der anderen verstehen. Ich bin vielleicht nicht dem allgemeinen Anspruch oder der Vorstellung eines Auslandsaufenthaltes während des Studiums gerecht geworden. Aber es war eine Erfahrung, der ich in Zukunft sicherlich noch andere Dinge abgewinnen werde. Letztendlich erinnere ich mich gerne an die Momente zurück, die schönen aufregenden, aber auch an die schlechten. Es blieb übrigens bei dieser letzten Spinne, die ich in der Wohnung vorfand und ich konnte nicht nur über die Tschechen, sondern vor allem aus der Distanz einiges über mich selbst lernen.

 

Erfahrungsbericht von Susanne Burgert, Lehramt Studentin und Teilnehmerin des Seminars „Internationalisierung: Berufsbegleitendes Praktikum im Ausland“

geleitet von Anna Lassonczyk an der Universität Köln, SoSe 2017

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