„Interkulturelle Chancen und Herausforderungen für den Sport“ (Interkulturelles Wissen kompakt eines Integrationsbegleiters)


Gegenwärtig leben 82,2 Millionen Menschen in Deutschland, davon haben etwa 7,3 Millionen – dies sind 8,1 Prozent der Gesamtbevölkerung – keine deutsche Staatsangehörigkeit. Von dieser Gruppe sind etwa 1,4 Millionen Menschen in Deutschland geboren, ein Drittel lebt schon länger als 20 Jahre hier. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Integration von Zuwanderern eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe darstellt, zu der auch der Sport einen wichtigen Beitrag leisten kann. Sport bringt Bewegung in die Integration – und das ganz wörtlich.

 

 

Sport integriert!

Sport erreicht weite Teile der Bevölkerung in Deutschland: Im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) sind mehr als 27 Millionen Mitgliedschaften organisiert. Mit über 90.000 Vereinen ist der DOSB damit nicht nur die größte Bürgerbewegung in unserem Land, seine Mitglieder spiegeln außerdem die Vielfalt unserer Gesellschaft wider. Im Sport – insbesondere dem Vereinssport – steckt ein großes Integrationspotenzial: Sport vermittelt Verhaltens- und Orientierungsmuster und trägt zur Integration in die Gesellschaft bei. Demokratische Mitwirkung und gemeinwohlorientiertes bürgerschaftliches Engagement sind in den Vereinen gelebter Alltag. Sportliche Betätigung ist für alle – egal welche Altersgruppe – eine sinnvolle Freizeitgestaltung.

Im Sporttreiben und in den vielfältigen geselligen Aktivitäten werden Werte wie Teamgeist, Fair Play und gegenseitige Wertschätzung vermittelt und erfahren, die sich positiv auf das Verhalten im Alltagsleben auswirken. Es werden Begegnungen, Kooperationen und der Erfahrungsaustausch von Menschen unterschiedlicher sozialer, kultureller und ethnischer Herkunft gefördert und Vorurteile im gemeinsamen Erleben abgebaut.

Aber: Integration im Sport findet nicht automatisch statt. Integrationserfolge lassen sich insbesondere an der Bereitschaft zur interkulturellen Öffnung ablesen. Aufmerksamkeit, Aufgeschlossenheit, Neugierde und Interesse sind hierfür wichtige Voraussetzungen. Gleiches gilt für die Bereitschaft aller, sich mit Differenz und Vielfalt auseinandersetzen zu wollen. Ein wichtiger Schritt, Integration im organisierten Sport zu fördern und zu begleiten, ist die Vermittlung interkultureller Kompetenz.

Interkulturelle Öffnung geht alle an

Fünfzehn Millionen Menschen aus Zuwandererfamilien – der familiären Herkunft nach aus 200 verschiedenen Staaten – leben heute in Deutschland. Unsere Gesellschaft hat sich dadurch stark verändert. Sie ist facettenreicher, vielschichtiger und offener geworden.

Beispiel München: Knapp 36 Prozent der Münchnerinnen und Münchner haben einen Migrationshintergrund. In der Gruppe der unter 18-Jährigen liegt der Anteil mit circa 50 Prozent noch darüber. Ähnlich sieht es in anderen deutschen Großstädten aus. In Berlin haben 25 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, in Hamburg 26, in Köln 30, in Stuttgart 36, in Nürnberg 39 und in Frankfurt am Main sogar 41 Prozent. Bei den unter 5-Jährigen – also einer wichtigen Zielgruppe zukünftiger Vereinsmitglieder – liegt in vielen Großstädten der Anteil von Personen mit Migrationshintergrund sogar über 60 Prozent.

Interkulturelle Öffnung ist also eine wichtige Aufgabe, die uns alle angeht.  Auch Sportverbände und -vereine stehen vor der Herausforderung der interkulturellen Öffnung. Sowohl die Leitungsebene als auch Übungsleiterinnen und Übungsleiter, Betreuerinnen und Betreuer sowie Aktive müssen sich aktiv dafür einsetzen und interkulturelle Öffnung als wichtige Aufgabe wahrnehmen.

 

Strukturelle Anpassungen im Verbands- und Vereinswesen

Sportverbände sind unter anderem aufgerufen, eigenethnische Vereine und Migrantenorganisationen als gleichrangige Partner anzuerkennen. Sportvereine sind gefordert, sich weiter zu öffnen, um für Menschen aus Zuwandererfamilien attraktiver zu werden.

Derzeit engagieren sich nach eigenen Angaben 28.400 Sportvereine für Flüchtlinge, das sind 31,3 % aller Vereine des DOSB. Gut 20 Prozent aller Vereine fördern durch spezielle Sportangebote, besondere Mitgliedsgebühren oder Kooperationen mit Kommunen, die Teilnahme von Migranten im Verein.

 

Gewinnung von Funktionären, Übungsleitern, Trainern sowie Sporttreibenden aus Zuwandererfamilien

Ein weiteres Ziel muss es sein, die Zahl der Personen aus Zuwandererfamilien in den Regelausbildungen von Stadt- und Kreissportbünden deutlich zu erhöhen. Menschen aus Zuwandererfamilien sind in der Regel zweisprachig und mit der Kultur ihrer Heimatländer vertraut. Dies bringt viele Vorteile: Sie können im Einzugsgebiet der Vereine Interessierte mit Migrationshintergrund gezielt ansprechen. Sie können aber auch die Betreuung von bereits angeworbenen Mitgliedern aus Zuwandererfamilien verbessern.

 

Interkulturelle Kompetenz und Weiterbildung

Interkulturelle Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen sollten so angelegt sein, dass sie Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ansprechen. Empfehlenswert für entsprechende Maßnahmen auf Verbands- und Vereinsebene sind sogenannte In-House-Schulungen. Diese werden vor Ort in vertrauten Räumlichkeiten durchgeführt und sollten möglichst alle einbeziehen. So wird das Gemeinschaftsgefühl gefördert und die Verantwortung aller für eine erfolgreiche interkulturelle Öffnung unterstrichen. Der Vorteil dieser Schulungen liegt darin, dass die jeweilige Situation im Verband beziehungsweise im Verein einbezogen wird.

Bei der inhaltlichen Gestaltung von Fortbildungen hat sich die Einbeziehung eines breiten Spektrums an Funktionsträgerinnen und Funktionsträgern mit und ohne Migrationshintergrund bewährt. So können Erfahrungen und Meinungen aus unterschiedlichen Perspektiven einbezogen werden. Interkulturelle Zusammenhänge werden damit für alle Beteiligten transparent und nachvollziehbar. Dies gilt für die Situation innerhalb des Vereins, aber auch darüber hinaus.

 

Verwendung der deutschen Sprache

Mannschaftssport lebt vom Teamgeist. Teamgeist aber braucht eine gemeinsame Sprache. Bei Sportveran-staltungen hört man häufig viele Sprachen auf und neben dem Platz beziehungsweise in der Halle. Um Missverständnisse auszuschließen sowie das Gefühl des ausgeschlossen Seins Einzelner zu vermeiden, ist die Verwendung der Deutschen als gemeinsame Sprache wichtig. Der Gebrauch der deutschen Sprache ist der Schlüssel für Verständigung und Integration – im und neben dem Sportbetrieb.

Aber: Im Spielbetrieb von eigenethnischen Vereinen ist der Gebrauch der Herkunftssprache durchaus üblich. Dies sollte jedoch nicht als Zeichen der Aus-oder Abgrenzung missverstanden werden, sofern im Spielbetrieb mit gemischt ethnischen oder deutschen Vereinen Deutsch gesprochen wird. Grundsätzlich sollte bedacht werden, dass die kompetente Beherrschung von zwei oder mehr Sprachen ein Plus für die Betroffenen bedeutet.

 

Freiwilliges bürgerschaftliches Engagement (Ehrenamt)

In vielen Kulturen ist freiwilliges soziales Engagement kaum im Verband organisiert. In Deutschland ist organisiertes bürgerschaftliches und damit ehrenamtliches Engagement ein Eckpfeiler unserer Demokratie. Es ist wichtig für den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft. Alle, die sich freiwillig und unentgeltlich einbringen, schaffen eine Atmosphäre der Solidarität, der Zugehörigkeit und des gegenseitigen Vertrauens. Dabei bietet gerade der Sport vielfältige Möglichkeiten.

 

Integration in eigenethnischen und multiethnischen Vereinen

Eigenethnische Sportvereine zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie herkunftsspezifische Sportarten anbieten. Hiervon fühlen sich Aktive aus Zuwandererfamilien besonders angesprochen. Ihnen bietet sich die Möglichkeit in einem kulturell vertrauten Raum ohne Lern- und Anpassungsdruck ihrem Hobby nachzugehen und Kontakte zu knüpfen. Viele dieser Vereine haben sich im Laufe der Zeit geöffnet, der kulturellen und sprachlichen Umgebung angepasst und sich damit zu multiethnischen Vereinen gewandelt. Problematisch bleiben die Fälle, in denen sich eigenethnische Vereine weitgehend isolieren und sich damit dem Integrationspotenzial des Sports entziehen. Dies gilt natürlich genauso auch für manche deutschen Vereine.

Ähnlich der Situation im Verbands- und Vereinswesen gibt es auch im Sportbetrieb an der Basis und im Schulsport zahlreiche interkulturelle Herausforderungen. Diesen haben sich Sporttreibende mit oder ohne Migrationshintergrund genauso zu stellen wie Trainer, Übungsleiter sowie Betreuer. Hier eine Auswahl von solchen Herausforderungen:

Verlässlichkeit und Pünktlichkeit

Mannschaftssport verlangt die Zuverlässigkeit aller Beteiligten, etwa pünktliches Erscheinen aller Aktiven vor dem Spiel oder der Abreise zu einem auswärtigen Spielort. Unpünktlichkeit und Nichteinhaltung von Zusagen Einzelner untergraben den Teamgeist und ein intaktes Mannschaftsgefüge.

Sportfreizeiten, Begegnungsfeste, Ausflüge

Es kommt vor, dass Eltern der Teilnahme ihrer Kinder an Sportfreizeiten und Ausflügen nicht zustimmen. Die Gründe hierfür sind vielfältig: angefangen bei religiös-kulturellen Vorbehalten bis hin zur Unkenntnis gegenüber den üblichen Abläufen in Deutschland. Auch soziale und finanzielle Gründe können einer Teilnahme etwa an mehrtägigen Sportfreizeiten entgegenstehen.

Körperempfinden

Nach dem Sporttreiben verweigern sich einzelne Aktive mit oder ohne Migrationshintergrund – zum Beispiel aus religiösen und kulturellen Gründen oder aus Schamgefühl – dem gemeinsamen Duschen oder dem Umkleiden in der Sammelumkleide und stoßen damit auf Unverständnis der übrigen Anwesenden.

Kleidung

Sportlerinnen – vornehmlich muslimischen Glaubens oder mit freikirchlicher religiöser Orientierung – lehnen teilweise das Tragen sportartspezifischer Kleidungsstücke wie Shorts und Badeanzüge ab oder wünschen das Tragen des Kopftuchs, zum Beispiel im Schwimmbecken.

Verpflegung

Kulturkreise haben unterschiedliche Essgewohnheiten und -vorschriften. Aber auch innerhalb von Kulturkreisen gibt es viele verschiedene Gewohnheiten, was die Ernährung angeht. Aufschlussreich ist hier oft schon der Blick in den eigenen Freundes- und Bekanntenkreis, in dem Vegetarier und Veganer genauso vertreten sein können wie Allergiker und Freunde von Trennkost oder Lebensmitteln aus biologischem Anbau.

Alkohol

In vielen Kulturen ist es verpönt, insbesondere in der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken. In Deutschland ist jedoch für viele Vereinsmitglieder, gerade im Amateur- und Breitensport, der Konsum von Alkohol im Anschluss an den Spielbetrieb oder auf Vereinsfeiern nicht unüblich.

Regelakzeptanz und Fair Play

Spielregeln und Fair Play-Regeln im Sport sind international anerkannt und damit allgemein gültig. Ihre Einhaltung wirkt sich auch positiv auf das Alltagsleben aus. Der Sport bietet damit eine hervorragende Grundlage der Verständigung, unabhängig von Herkunft, kultureller oder religiöser Prägung der Aktiven.

Die positiven Werte und Wirkungen des Sports sind von besonderer Bedeutung bei Begegnungen zwischen ethnischen Gruppen im Teamsport.

Umgang mit Provokationen

Fremdenfeindliche Zwischenrufe, Diskriminierungen einzelner Sportlerinnen und Sportler aus dem Zuschauerkreis sowie rassistische Beleidigungen von Aktiven untereinander stellen nach wie vor ein Problem dar.

Vor diesen Fällen sollte niemand die Augen verschließen, denn wegzuschauen hilft nicht. Auch das Vertrauen auf das Einschreiten anderer – also etwa von Fanbeauftragten oder von Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern – ist nicht ausreichend. Gefragt ist vielmehr die Zivilcourage aller.

 

Und ganz wichtig:

Integration lebt vom Einsatz aller Beteiligten, denn nur gemeinsam können wir gewinnen!

 

Abschlussarbeit von R. Schmidek, Teilnehmer der Ausbildung zum „Integrationsbegleiter“ (m/w), 10 tägiger Kurs „Interkulturelles Wissen: Kompakt“, geleitet von Anna Lassonczyk