Wer zum Teufel ist ein Interkulturalist? Inspirierende Gedanken einer interkulturellen Trainerin…


Interkulturalist

 

„Hallo, was machen Sie beruflich so?“ ist eine typische Frage, auf welche ich theoretisch eine Standardantwort im Repertoire haben sollte. Die Realität sieht allerdings so aus, dass es schwietig ist, das farbenfrohe Bild der Aktivitäten, die meinen Tag füllen und sich „Arbeit“ nennen, zu malen. Die typischen Antworten, die ich erhalte, wenn ich auf diese Frage antworte, lassen sich in drei Kategorien einteilen:

  1. Aha, meinen Sie Kultur im Sinne von Kunst, Theater, Oper und diesem Zeug? Arbeiten Sie zusammen mit Museen?
  2. Also erklären Sie Menschen, wie Sie einem Chinesen eine Visitenkarte überreichen sollen? Wissen Sie, ich kenne ein lustiges Video über französische Tischmanieren, wenn Sie wollen, kann ich es Ihnen schicken!
  3. Hä? (Gefolgt von einem leeren Bick)

Schon während meiner „Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien“ gehörte ich zu der damals noch Studi VZ Gruppe „Du studierst WAS?!“, die diese Studenten verrinte, die mit mit den Namen und Inhalten ihres Studiengangs ihre Familie, Freunde und Bekannte in Verwunderung gebracht haben.

Okay, also es ist so, dass man das Wort „Interkulturalist“ nicht wirklich im Wörterbuch findet. Kein Wunder also, dass manche Menschen keine Ahnung haben, was man darunter versteht. Des Weiteren gibt es unzählige Definitionen des Wortes „Kultur“, es ist also verständlich, dass jeder eine andere Bedeutung im Kopf hat. Letztendlich ist es eines meiner Ziele, den Menschen vor Augen zu führen, dass unsere Realitäten subjektiv sind. Das passt gut dazu, dass jeder das Wort Kultur anders definiert, oder?

 

Wenn ich also behaupte, dass unsere Realität etwas Subjektives ist, meine ich damit, dass niemand von uns die Welt und ihre derzeitige Situation auf die gleiche Art und Weise betrachtet. Wir beurteilen unser Leben, Interaktionen und Begegnungen basierend auf bisherigen Erlebnissen, unserem Wertesystem und unseren Überzeugungen, welche uns beigebracht wurden oder uns auf unserem Weg angeeignet haben. Natürlich hat jemand wie ich, die im post-kommunistischen Polen aufgewachsen ist, mit 19 nach Deutschland ausgewandert ist und seitdem in 7 verschiedenen Ländern und Städten gelebt hatte, noch eine ganz andere Sicht auf bestimmte Verhaltensweisen oder Handlungen als jemand, der sein ganzes bisheriges Leben in einer Stadt verbracht hat. Das heißt aber nicht, dass wir andere Interpretationen der Realität von unserem Standpunkt der Realität heraus verurteilen sollten!

 

Alle subjektiven Realitäten sind die ultimative Wahrheit für jene, die daran glauben!

Weltweit erfolgreich

© Denys Rudyi: fotolia.com

Inwiefern komme ich da ins Spiel? Ich denke, dass viele Menschen in unserer immer mehr vernetzten Welt Schwierigkeiten haben, diese Unterschiede in der Wahrnehmung zu erkennen und zu akzeptieren. Wir neigen dazu, andere und deren Benehmen nach unseren eigenen kulturellen Werten und persönlichen Überzeugungen zu verurteilen. Es gibt viele interessante neurowissenschaftliche Forschungen darüber, wie schwer es ist, die Basis dieser Urteile zu verändern.

Wenn wir mit Menschen aus verschiedenen Kulturen in einem Team zusammenarbeiten oder uns in einer neuen Kultur wiederfinden, egal ob vorübergehend oder für immer, müssen wir aufpassen, was ethnozentristische Standpunkte betrifft. Ethnozentrismus bedeutete, andere Kulturen nach eigenen kulturellen Werten zu beurteilen.

Was uns persönlich normal erscheint, muss nicht zwangsläufig auch für andere gelten. Um in interkulturellen Teams erfolgreich zusammenzuarbeiten, müssen wir aufhören, unsere eigene Kultur zu verteidigen und anfangen, die Sichtweise der anderen anzuhören. Als Interkulturalistin begleite ich Menschen auf diesem Weg und noch weiter, denn dies ist erst der Anfang, um interkulturell fit zu werden!

Also nein, was ich „beruflich mache“ ist nicht nur Leuten zu sagen, wie man Visitenkarten richtig überreicht. Wenn sie nur Verhaltensregeln und -abläufe lernen, werden Sie nicht die zugrundeliegenden Gründe WARUM das auf eine bestimmte Art und Weise, seit Jahrhunderten getan wurde, lernen. Außerdem wird dabei nicht beachtet, dass Kulturen nicht stagnieren. Kulturen verändern entwickeln sich mit den Menschen, die in ihnen leben. Es wäre ziemlich schwierig für uns Interkulturalisten ständig unser Wissen über jede Kultur der Welt aufzufrischen, oder? Darüber hinaus hätte das Internet unseren Beruf schon längst ersetzt. Also, stattdessen glaube ich, dass es einfacher ist, Ihnen die Werkzeuge und das Verständnis zu geben, damit Sie die Arbeit selbst erledigen können. Und wie ich tue, erklären meine momentane Titel und Berufsbezeichnungen: zertifizierte Trainerin, High Performance Coach, internationale Dozentin und Beraterin, Master Facilitator.

Ich weiß, es ist schwer. Wie oft habe ich mich schon in Situationen wiedergefunden, in denen ich dachte „Diese Deutschen sind so seltsam!“ (Ich bin Polin und lebe seit 2003 in Deutschland), und andersherum (!) „Polen sind seltsam“ (nach so vielen Jahren habe ich einige deutsche Verhaltensweisen adaptiert und genieße sie, was mich manchmal zu einer Fremden in Polen macht) ?! Sehr oft! Aber anstatt frustriert oder verärgert zu sein, oder die Erfahrungen in meinem „Seltsames Verhalten in anderen Ländern“-Ordner zu verstauen, versuche ich das:

  1. Warte einen Moment! Was Du gerade getan hast, ist nicht normal für meine Standards! (= sich bewusst werden)
  2. Hmm, ich frage mich, warum sie das tun? (= aufgeschlossen und neugierig bleiben)
  3. Ich werde jemanden, den ich kenne, und der sich so verhält fragen, aus welchen Grund sie das machen oder welche Tradition dahinter steckt. (= proaktiv etwas über die neue Kultur lernen)
  4. Hah, interessant. Da ist etwas dran, auch wenn ich nicht ganz zustimme./ Das macht jetzt wirklich sehr viel mehr Sinn. Wahrscheinlich sollte ich emphatischer, objektiver und geduldiger sein, bevor ich mich über andere ärgere. (= neu Gelerntes in meinen Alltag integrieren)

 

Verstehen Sie mich bitte richtig, das bedeutet nicht, dass Sie alle neuen Werte und Traditionen in Ihr Leben einbeziehen müssen. Meiner Meinung nach ist es ein wenig wie das Einkaufen bzw. Bestellen vom Essen in einem fremden Land. Wenn Sie ankommen, probieren Sie viele neue Geschmacksrichtungen und Gerichte aus. Dann finden Sie heraus, welches Ihnen am besten schmeckt und kaufen es immer wieder. Das andere Essen wird außen vorgelassen. Der große Unterschied liegt hier: Sie haben es ausprobiert! Also wissen Sie wie das Essen schmeckt. Wenn Sie das Essen niemals probieren, wie können Sie sich eine Meinung bilden? Genauso verhält es sich mit verschiedenen Kulturen! Falls Sie die Gründe hinter dem Verhalten nicht kennen, verteufeln Sie es nicht sofort.

Viel Spaß beim Erleben kultureller Unterschiede!