#59 Kurzzeitorientierte und langzeitorientierte Kulturen


Wie prägt die Kurzzeitorientierung bzw. die Langzeitorientierung das Leben der Menschen?

In der heutigen Folge des interkulturellen Podcasts „Deutschland und andere Länder“ erkläre ich Dir den Unterschied zwischen kurzzeitorientierten und langzeitorientierten Kulturen. Dazu beantworte ich Dir unter anderem folgende Fragen:

+ Wie spiegelt sich die Kurzzeitorientierung bzw. die Langzeitorientierung in der Denkweise der Menschen wieder?
+ Welche Rolle spielen Kurzzeitorientierung und Langzeitorientierung am Arbeitsplatz und in der Wirtschaft?
+ Inwiefern werden die Unterschiede zwischen Kurzzeitorientierung und Langzeitorientierung im Bereich der Familie sichtbar?
+ Welche Länder sind kurzzeitorientiert und welche langzeitorientiert? Wohin lässt sich Deutschland eher zuordnen?

 

 

 

Viel Spaß und wertvolle Erkenntnisse beim Anhören

Den interkulturellen Podcast „Deutschland und andere Länder“ gibt es auch unter:

https://itunes.apple.com/us/podcast/id1366874160

https://open.spotify.com/show/1x1qkOIpBPOgW23GdzTCrS?si=6gp_-lqwQd6uVEA4HzGKcQ

 

Zusätzlich gibt es hier die Folge zum Nachlesen:

Deutschland und andere Länder mit Anna Lassonczyk“ – Der erste und einzige Podcast in Deutschland, Österreich und der Schweiz, der sich mit interkultureller Kommunikation beschäftigt, spannende Impulse über fremde Länder liefert, entfernte Kulturen näher bringt und erfolgreiche Menschen mit internationaler Erfahrung interviewt.

In der gestrigen Folge konntest Du bereits die Unterschiede zwischen vergangenheits-, gegenwarts- und zukunftsorientierten Kulturen kennenlernen. Heute geht es weiter mit dem Thema Zeit und dem Unterschied zwischen den kurzzeitorientierten und langzeitorientierten Kulturen. Du wirst erfahren, wie sich dieser Unterschied unter anderem in der Religion, in der Arbeit und in der Wirtschaft, in der Familie und in der Schule und allgemein im Alltag und in den Denkweisen bemerkbar macht.

Für Hofstede, den Ur-Ur-Großvater der interkulturellen Kommunikation und ein niederländischer Professor, der in den 80ern eine berühmte IBM-Studie machte, ist die Kultur so etwas wie eine „software of the mind“. Er hat die Begriffe „Kurzzeitorientierung“ und „Langzeitorientierung“ eingeführt und verdeutlicht, wie sehr langfristiges Denken und Traditionen in einer Kultur wertgeschätzt werden.

Langzeitorientierung steht für das Hegen von Tugenden, die auf künftigen Erfolg hin ausgerichtet sind, insbesondere Beharrlichkeit und Sparsamkeit. Das Gegenteil, die Kurzzeitorientierung, steht für das Hegen von Tugenden, die mit der Vergangenheit und der Gegenwart in Verbindung stehen, insbesondere Respekt für Traditionen, Wahrung des „Gesichts“ und die Erfüllung sozialer Pflichten.

Da sich die kulturell bedingte Kurz- und Langzeitorientierung auf mehrere Lebensbereiche auswirkt, präsentiere ich Dir heute Beispiele aus den Bereichen der Religion und der Denkweisen, der Arbeit und der Wirtschaft sowie der Familie und der Schule. Als erstes geht es um das Feld der Religion und der Denkweisen. In den kurzzeitorientierten Kulturen gibt es, über das was gut und böse ist, allgemein gültige Richtlinien. In den langzeitorientierten Kulturen hängt das, was gut und böse ist, von den Umständen ab. Im letzteren Fall machen die Menschen je nach Kontext und je nach dem, was gerade passt, viele Ausnahmen und nehmen Rücksicht. In den kurzzeitorientierten Kulturen trennt man zwischen Geist und Materie. Im Gegensatz dazu glauben langzeitorientierte Kulturen, dass Geist und Materie eins sind. Die Kurzzeitorientierten glauben, dass wenn A wahr ist, muss das Gegenteil B falsch sein. Für die Langzeitorientierten kann das Gegenteil B auch wahr sein, wenn A wahr ist. Kurzzeitorientierte Kulturen sind rational und abstrakt, während die langzeitorientierten Kulturen den gesunden Menschenverstand bei Entscheidungen benutzen.

Was die Arbeit und Wirtschaft angeht, gibt es folgende Unterschiede: Bei den kurzzeitorientierten Kulturen gehören Freiheit, Rechte, Leistung und selbstständiges Denken zu den Hauptwerten am Arbeitsplatz. Die langzeitorientierten Kulturen schätzen Lernen, Verantwortlichkeit und Selbstdisziplin am Arbeitsplatz. Für die Kurzzeitorientierten ist Freiheit wichtig, für die Langzeitorientierten jedoch eher weniger. Für kurzzeitorientierte Kulturen steht die Bilanz im Mittelpunkt, während für die langzeitorientierten Kulturen die Marktposition im Mittelpunkt steht. Die Kurzzeitorientierten legen Wert auf den Gewinn, den man im laufenden Jahr erzielt. Die Langzeitorientierten legen dagegen Wert auf den Gewinn, den man nach 10 Jahren macht. Für die kurzzeitorientierten Kulturen sind Vorgesetzte und Mitarbeiter psychologisch in zwei Lager geteilt. Für die langzeitorientierten Kulturen haben Vorgesetzte, Firmeninhaber und Mitarbeiter dieselben Ziele. Sie sitzen im gleichen Boot. Für die Kurzzeitorientierten gilt die Entlohnung nach Fähigkeiten und für die Langzeitorientierten sind große soziale und wirtschaftliche Unterschiede nicht erwünscht. In den kurzzeitorientierten Kulturen richten sich persönliche Treuepflichten nach den Bedürfnissen, die das Geschäft mit sich bringt. Die langfristigen Kulturen investieren ein Leben lang in ein persönliches Netzwerk. Kurzzeitorientierte verfügen über eine niedrige Sparquote und wenig Geld für Investitionen, wohingegen Langzeitorientierte eine hohe Sparquote aufweisen und ihnen reichlich Mittel für Investitionen zur Verfügung stehen. In den kurzzeitorientierten Kulturen wird Geld in Investments-Fonds investiert, in den langzeitorientierten Kulturen wird Geld im Gegensatz dazu für Immobilien investiert.

Als dritter Lebensbereich, wo die Unterschiede zwischen langzeit- und kurzzeitorientierten Kulturen sichtbar werden, sind Familie und Schule. Für die Kurzzeitorientierten ist die Ehe eine moralische Vereinbarung. Bei den Langzeitorientierten ist die Ehe hingegen eine pragmatische Vereinbarung. In den kurzzeitorientierten Kulturen bringt das Zusammenleben mit den Schwiegereltern Probleme, während in den langzeitorientierten Kulturen das Zusammenzuleben normal ist. In den kurzzeitorientierten Kulturen denken junge Frauen bei dem Wort „Zuneigung“ an einen festen Freund. In den langzeitorientierten Kulturen denken junge Frauen bei diesem Word an einen Ehemann. Zudem gilt Demut bei den Kurzzeitorientierten nur für Frauen, wohingegen Demut bei den Langzeitorientierten sowohl für Frauen als auch Männer gilt. In kurzzeitorientierten Kulturen ist das Alter eine traurige Zeit, welche jedoch erst spät beginnt. In langzeitorientierten Kulturen ist das Alter im Gegensatz dazu eine glückliche Zeit und beginnt zudem früh. Bei den Kurzzeitorientierten können kleine Kinder, die noch nicht schulpflichtig sind, auch von anderen betreut werden. Bei den Langzeitorientierten sollen die Mütter sich für ihre kleinen Kindern Zeit nehmen. Des Weiteren erhalten Kinder in kurzzeitorientierten Kulturen Geschenke, weil es Spaß macht, sie zu beschenken und weil man sie liebt. In langzeitorientierten Kulturen bekommen Kinder Geschenke, weil sie etwas lernen und sich weiterentwickeln sollen. In kurzzeitorientierten Kulturen ist es wichtig, dass das Kind lernen soll, Toleranz zu üben und anderen Respekt entgegenzubringen. In langzeitorientierten Kulturen sollen Kinder lernen zu sparen. Bei den Kurzzeitorientierten hat die Geburtenfolge nichts mit der Stellung innerhalb der Familie zu tun, während bei den Langzeitorientierten ältere Geschwister eine hohe Autorität gegenüber den jüngeren haben. Ein weiterer Unterschied ist, dass Schüler und Studenten ihren Erfolg oder Misserfolg in der Schule bzw. im Studium in kurzzeitorientierten Kulturen auf Glück zurückführen, während Schüler und Studenten aus langzeitorientierten Kulturen der Meinung sind, dass Erfolg in der Schule bzw. im Studium auf Anstrengung basiert.

An dieser Stelle bin ich neugierig, ob Du einschätzen kannst, welche Länder nach Hofstede die langzeitorientierten und die kurzzeitorientierten sind. Die Ergebnisse der berühmten IBM Studie, die von Hofstede durchgeführt worden ist, haben gezeigt, dass die folgenden Länder die langzeitorientierten sind: An der Spitze steht China, gefolgt von Hongkong, Taiwan, Japan, Vietnam, Südkorea, Brasilien, Indien, Thailand, Ungarn, Singapur, Dänemark, Niederlande, Norwegen, Irland, Finnland, Bangladesch, Schweiz, Frankreich und Belgien, wobei die letzten schon zu dem mittleren Bereich zählen. Zu den kurzzeitorientierten Kulturen zählen Slowakei, Italien, Schweden, Polen, Österreich, Australien, Deutschland, Kanada, Neuseeland, Portugal, USA, Großbritannien, Spanien, Nigeria, Tschechien und Pakistan. Das waren jetzt viele Länder auf einmal, die aufgezählt wurden. Du findest die Tabelle mit dem Ergebnis der Studie auf meiner Homepage. Den Link dazu siehst Du in den Shownotes oder Du gehst einfach auf intercultural-success.de, klickst dann auf „Podcast“ und gehst auf die heutige 59. Folge, wo Du die Tabelle sehen kannst. Viel Spaß und tolle Erkenntnisse dabei!

 

Hier findest Du die versprochene Tabelle mit dem Ergebnis der IBM-Studie:

 

 

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