#55 Sequentielle versus synchrone Zeit – Wobei erkennst Du Dich wieder?


Kulturelle und geschlechtsspezifische Unterschiede in der Zeitwahrnehmung

Sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Reihenfolge, oder eher ein verbindendes Element? Anhand anschaulicher Beispiele erfährst Du in dieser Folge die Unterschiede zwischen sequentiellem und synchronem Zeitverständnis in verschiedenen Kulturen.

+ Wie nutzt ein italienischer Metzger die Zeit, um seine Kunden zu bedienen?
+ Warum würde die italienische Methode einen Niederländer schockieren?
+ Wie schaffte es eine Bücherei in Singapur durch Zeitmanagement zur effektivsten ihrer Art zu werden?
+ Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Geschlecht und Zeitwahrnehmung?
Die Antworten auf diese und weitere spannende Fragen verrate ich Dir in dieser Folge.

 

Viel Spaß und wertvolle Erkenntnisse beim Anhören

Den interkulturellen Podcast „Deutschland und andere Länder“ gibt es auch unter:

https://itunes.apple.com/us/podcast/id1366874160

https://open.spotify.com/show/1x1qkOIpBPOgW23GdzTCrS?si=6gp_-lqwQd6uVEA4HzGKcQ

 

Zusätzlich gibt es hier die Folge zum Nachlesen:

Der erste und einzige Podcast in Deutschland, Österreich und der Schweiz, der sich mit interkultureller Kommunikation beschäftigt, spannende Impulse über fremde Länder liefert, entfernte Kulturen näher bringt und erfolgreiche Menschen mit internationaler Erfahrung interviewt.

Der holländische Forscher Trompenaars hat festgestellt, dass die Kulturen sich darin unterscheiden, dass sie Zeit als eine Folge von nacheinander verstreichenden Momenten und Geschehnissen verstehen (sequentiell/ konsekutiv) oder Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als miteinander verbunden betrachten (synchrone/ simultane Zeit). Die Kulturdimension sequentielle – synchrone Zeit beinhaltet die bereits angesprochene Diskrepanz zwischen der linearen und der zyklischen Zeitauffassung, die wir letzte Woche im Podcast hatten. Die sequentielle Zeit als eine Reihe von Sequenzen wird demnach beschreibt er mit dem Begriff „clock time“, also Zeit, die als eine Zeitachse gesehen wird. Die synchrone Zeit als ein sich wiederholendes Geschehen bezeichnet er als „good timing“ oder zyklische Zeit. Zudem fallen mehrere Kennzeichen der sequentiell und synchron ausgeprägten Kulturen mit denen von Hall als polychron und monochron bezeichneten zusammen. Beispielsweise mögen es sequentielle Menschen, eine Sache zu machen, während synchrone Menschen viele Sachen gleichzeitig erledigen.

Die Andersartigkeit des konsekutiv und synchron organisierten Handelns lässt sich am Beispiel unterschiedlicher Vorgehensweisen bei der Kundenbedienung, z.B. durch einen Fleischer, illustrieren. Trompenaars berichtet:

In einer Metzgerei in Italien erlebte ich einmal, wie der Metzger die Salami hervorholte, einem Kunden davon abschnitt und dann rief: „Noch jemand Salami?“ Die Sequenzvorstellung ist nicht ganz absent. Die Menschen zahlen der Reihe nach, wenn ihr Einkauf erledigt ist. Wenn eine Kundin alles hat, was sie braucht, kann sie zahlen und früher gehen als jemand, der vor ihr an der Reihe war, aber noch zusätzlich Aufschnitt will. Mit dieser Methode werden mehr Leute in weniger Zeit bedient. Die synchrone Methode jedoch erfordert, dass die Menschen verschiedene Dinge parallel verfolgen, etwa wie ein Jongleur mit sechs fliegenden Bällen.

Des Weiteren enthüllt der niederländische Forscher:

In meiner Metzgerei in Amsterdam ruft der Fleischer eine Nummer auf, holt hervor, schneidet, legt weg, was der Kunde jeweils wünscht, und dann ruft er die nächste Nummer auf. Einmal wagte ich den Vorschlag: „Wenn Sie schon die Salami in der Hand haben, können Sie mir auch gleich ein Pfund abschneiden.“ Kunden und Verkäufer waren schockiert.

Ein Beispiel für eine Mischung zwischen den beiden Systemen bietet eine effiziente Vorgehensweise an der Kasse in einem Laden in Singapur:

Kunden, die in einer Bücherei Bücher kaufen und diese meistens mit Kreditkarte bezahlen, werden der Reihe nach bedient. Wenn aber das Buch gerade gescannt wurde und der Verkäufer darauf wartet, dass der Kunde seine Kreditkarte hervorholt und seinen Pin eingibt, fängt er bereits an, den nächsten Kunden zu bedienen. Wenn der Zahlvorgang der ersten Person abgeschlossen ist, wendet er sich wieder dieser zu. Der Forschung nach kann mit dieser Methode 50% der Zeit gespart werden.

Dieses Beispiel stützt auch die in der letzten Folge angesprochene Befürwortung des an die Gegebenheiten angepassten Wechsels zwischen polychroner und monochroner Zeit als die ergiebigste Methode, mit der Zeit umzugehen, und zeigt, dass es möglich ist, in einer Situation sequentiell sowie synchron zu handeln.

Da das Modell der konsekutiven (sequentiellen) vs. simultanen (synchronen) Zeit mit dem der monochronen und polychronen Zeit weitgehend verwandt ist, verzichte ich auf die weitere Charakteristik der beiden, denn dies habe ich bereits anhand von dreizehn Unterschieden in der gestrigen Folge sehr detailliert dargestellt. Stattdessen füge ich hinzu, dass der Unterschied zwischen sequentieller/ monochroner Zeit und synchroner/ polychroner Zeit auch geschlechtsbedingt ist. Forschungen zeigen: Nach der allgemein herrschenden Meinung ist den Frauen die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu machen, was der polychronen Zeit entspricht, von der Natur mitgegeben. Ferner wird es oft als weiblich aufgefasst, sich von einem Netzwerk aus Menschen und Beziehungen umgeben zu lassen. Männer konzentrieren sich tendenziell lieber auf eine Sache und sind mehr aufgaben- als beziehungsorientiert, was den Eigenschaften der Monochronie entspricht.

Zusammengefasst ist Frauenkultur eher polychron, also sequentiell, und Männerkultur eher monochron, also synchron. Dabei darf dies nicht absolut verstanden werden, sondern eher als Tendenz.

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