#54 Nacheinander oder gleichzeitig? Wie unterschiedlich Kulturen mit der Zeit umgehen


Über das Zeitmanagement in verschiedenen Ländern und mono- vs. polychrone Kulturen

In der heutigen Folge lernst Du die Unterschiede von monochronen und polychronen Kulturen kennen. Du erfährst unter anderem:

+ wie man Zeit in unterschiedlichen Ländern einteilt und zerteilt
+ wo man Dinge eher nacheinander und wo lieber gleichzeitig erledigt
+ woher es kommt, dass Menschen in manchen Kulturen extrem pünktlich und in anderen immer zu spät sind
+ wie es im Büroalltag zu Kulturschocks beim Umgang mit der Zeit kommt
+ warum es wichtig ist, statt zu pauschalisieren, die kulturellen Eigenschaften in Relation zu anderen Ländern zu betrachten
+ wieso es die „monochrone“ und die „polychrone“ Zeit auch innerhalb einer Kultur geben kann
+ warum die Japaner die goldene Mitte bei dem Umgang mit der Zeit gefunden haben

 

 

Viel Spaß und wertvolle Erkenntnisse beim Anhören

Den interkulturellen Podcast „Deutschland und andere Länder“ gibt es auch unter:

https://itunes.apple.com/us/podcast/id1366874160

https://open.spotify.com/show/1x1qkOIpBPOgW23GdzTCrS?si=6gp_-lqwQd6uVEA4HzGKcQ

 

Zusätzlich gibt es hier die Folge zum Nachlesen:

Deutschland und andere Länder mit Anna Lassonczyk“ – Der erste und einzige Podcast in Deutschland, Österreich und der Schweiz, der sich mit interkultureller Kommunikation beschäftigt, spannende Impulse über fremde Länder liefert, entfernte Kulturen näherbringt und erfolgreiche Menschen mit internationaler Erfahrung interviewt.

In den vergangenen Folgen über das Thema Zeit und Kultur haben wir uns damit beschäftigt, was der Unterschied ist, zwischen den konkreten, abstrakten Zeitauffassung, der linearen und der zyklischen Zeitauffassung, mit dem Unterschied zwischen dem schnellen und langsamen Lebenstempo an einem Ort, Du konntest Dich auch in einem Test überprüfen. Wir haben über die Widersprüchlichkeit Japans gesprochen und wie sich der Umgang mit Zeit, insbesondere das Lebenstempo, auf das Wohlbefinden auswirkt. Heute geht es weiter mit dem Thema Zeit und Kultur. In der heutigen Folge geht es um monochrone und polychrone Kulturen. Einfacher auf Deutsch ausgedrückt geht es darum, ob wir in einer Kultur eine Sache zu Ende bringen, bevor wir mit der nächsten anfangen, oder ob wir in einer Multitasking-Gesellschaft leben, in der viele Sachen gleichzeitig passieren.

Edward Hall, der Urururvater der interkulturellen Kommunikation hat gesagt: „Zeit ist Kommunikation“. Dadurch, wie wir mit der Zeit umgehen, zeigen wir, was uns wichtig ist. Er hat in den 80er Jahren zwei Begriffe eingeführt: monochrone Kulturen und polychrone Kulturen. Die monochronen Kulturen sind die, in denen eine Sache zu Ende geführt werden muss, damit wir mit der zweiten Tätigkeit anfangen, das heißt die Zeit wird sehr genau geplant.  In den polychronen Kulturen passieren viele Dinge gleichzeitig.

Hall spricht auch von einer monochronen Zeit oder M-Zeit bzw. Zeiteinteilung, oder von der polychronen Zeit, P-Zeit bzw. Zeitzerteilung. Grob geschildert orientiert sich die M-Zeit an Aufgaben, Plänen und Prozeduren, anders ausgedrückt, die Zeit wird eingeteilt. Dagegen beschäftigen sich polychrone Menschen naturgemäß mit mehreren Sachen gleichzeitig und berücksichtigen dabei ihre Mitmenschen und die Wichtigkeit der Tätigkeit – sie zerteilen die Zeit.  In monochron geprägten Kulturen spielt die Zeit eine große Rolle und ist greifbar. Sie wird ähnlich wie Geld als etwas erfasst, was man sparen, verschwenden oder gewinnen kann. Außerdem wird sie als ein Raum betrachtet, in den nur bestimmte Personen und Sachverhalte eingelassen und andere ausgeschlossen werden. Monochrone Menschen messen der Zeitplanung großen Wert bei, die sie oft als etwas Unantastbares behandeln. Und weil die Zeit detailliert geplant und aufgeteilt ist, können sie sich nur auf eine Sache konzentrieren.

Polychrone Zeit ist in nahezu jeder Hinsicht gegenteilig, was ich gleich gegenüberstelle. Polychrone Kulturen sind ferner durch starke Beziehungen zu den Mitmenschen gekennzeichnet und für sie spielt Zeit eine untergeordnete Rolle. Zwei polychrone, „an einer Straßenecke plaudernde“ Personen entscheiden sich eher dafür, später zu ihrer nächsten Verabredung zu kommen, als dass sie ihren Gesprächsfluss unterbrechen. Eine abrupte Unterbrechung der Unterhaltung ist für den Gesprächspartner gleichbedeutend mit einer Beleidigung. Vielmehr als ein zielgerichteter Weg wird die polychrone Zeit als ein einzelner Punkt aufgefasst.

Die Gegenüberstellung von monochronen und polychronen Menschen:

Monochrone Menschen

(teilen die Zeit ein)

Polychrone Menschen

(zerteilen die Zeit)

tun immer eins nach dem anderen tun viele Dinge gleichzeitig
identifizieren sich eher mit ihrer Arbeit

identifizieren sich mit Familie, Freunden, Kunden

konzentrieren sich auf ihre Arbeit lassen sich leicht ablenken

In einer Bürosituation, kann es zu einem Kulturschock kommen, oder die polychronen Menschen könnten sich sehr vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn sie zu einem monochronen Chef kommen und ihm eine tolle Idee erklären wollen. Egal wie genial die Idee sein mag, der monochrone Chef wird das eher als Störung empfinden, weil er am Schreibtisch konzentriert seine Aufgabe zu Ende bringen kann. Er mag es nicht, wenn Mitarbeiter einfach in sein Büro reinlaufen und von genialen Ideen erzählen, weil er einfach gerne eine Sache zu Ende macht und erst dann, wenn der richtige Zeitpunkt kommt, von der Idee hören möchte. Wenn der Chef in dem Moment, wo der polychrone Mitarbeiter die Idee erzählt, nicht gerade Begeisterung zeigt, fühlt sich der polychrone Mensch nicht wertgeschätzt oder gar beleidigt. In seiner Kultur wäre es normal, dass man mit einer Idee sofort zum Chef geht und er das wertschätzt. In polychronen Kulturen ist die Idee viel wichtiger als der richtige Zeitpunkt. Zurück zu der Gegenüberstellung.

Monochrone Menschen

(teilen die Zeit ein)

Polychrone Menschen

(zerteilen die Zeit)

nehmen zeitliche Verpflichtungen ernst (sie lieben Termine, Zeitpläne)

messen zeitlichen Verpflichtungen keine große Bedeutung bei, sind öfter zu spät

sind schwach kontextorientiert, brauchen zusätzliche Informationen

sind stark kontextorientiert, sind über Hintergründe informiert

Was kontextorientierte oder High-Kontext Kulturen heißt, erfährst Du in den vorherigen Folgen, in denen ich über direkte und indirekte Kommunikation gesprochen habe.

Monochrone Menschen

(teilen die Zeit ein)

Polychrone Menschen

(zerteilen die Zeit)

gehen in ihrer Arbeit auf

leben für andere Menschen und gehen in zwischenmenschlichen Beziehungen auf

halten sich an Pläne

stoßen Pläne um

sind bemüht, andere nicht zu stören, achten Intimsphäre und nehmen Rücksicht

kümmern sich nur um enge Verwandte, Freunde und gute Geschäftspartner

legen großen Wert auf Pünktlichkeit

kommen fast immer zu spät

neigen zu kurzlebigen Beziehungen

bauen Beziehungen auf, die ein Leben lang halten

betrachten zeitliche Verpflichtungen beinahe als etwas Heiliges

betrachten Verpflichtungen gegenüber Verwandten und engen Freunden als heilig

sind besonnen und bedächtig

handeln kurz entschlossen, verlieren leicht die Geduld

haben hohe Achtung vor Privatbesitz

leihen und verleihen ständig irgendwelche Gegenstände

Und wie Du Dir wahrscheinlich denken kannst, gehören Deutschland, Österreich und die Schweiz sowie die nördlichen Länder Europas zu den monochronen Kulturen. Paradebeispiele für die polychronen Kulturen sind insbesondere die lateinamerikanischen Länder, Spanien, Italien und auch die arabischen Länder.

Das monochrone Zeitsystem wurde dem Menschen nicht von der Natur mitgegeben – er erlegte es sich selber auf. Es ist ein Produkt der industriellen Revolution in England und läuft mehreren biologischen Rhythmen zuwider. Somit ist es ein künstliches, erlernbares System. Es erscheint uns deswegen als natürlich und logisch, da wir von Glocken, Weckern und zunehmenden Erinnerungsfunktionen technischer Geräte umgeben in der monochronen Kultur aufwuchsen.

Untersuchungen zeigen, dass in der westlichen Welt, besonders in germanischen, angloamerikanischen und skandinavischen Gesellschaften tendenziell die monochrone Zeit regiert. Die Deutschen und die Schweizer gelten dabei als die „Klassiker“ der Zeiteinteilung. Hingegen zeigen die Regionen Südamerika, Südeuropa und der Nahe Osten eine Neigung zur Polychronie.  Meinen Beobachtungen zufolge gehören Polen und Osteuropa im Vergleich zu den Deutschen auch zu den polychron ausgeprägten Kulturen. Dagegen im Vergleich zu den arabischen und lateinamerikanischen Kulturen würde ich Polen als eine monochrone Kultur betrachten. Weil wir einem Land nicht einfach so eine Eigenschaft zuschreiben sollen, ist es besser, die Eigenschaften in Relation zu sehen. Das heißt, wenn ich mit einem Deutschen spreche, ist Polen für ihn eher sehr chaotisch und polychron. Wenn mich mit einem Araber über Polen vergleiche, dann erscheint für die Araber Polen eher sehr strukturiert und monochron.

Was ist besser, was ist schlechter?

Sowohl das monochrone als auch das polychrone Zeitsystem haben ihre Vor– und Nachteile. Überdies arbeiten die polychronen Menschen aus der westlichen leistungsorientierten Sichtweise etwas chaotisch und unproduktiv. Doch kann sich die Polychronie als fruchtbarer erweisen. Eine strikte, unflexible Ausrichtung an Zeitplänen lässt nämlich der Spontaneität wenig Raum und hat zur Folge, dass man Abläufe in einem für weitere Entwicklung günstigen Zeitpunkt abbrechen muss. Dabei ist es oft durchaus befreiend und produktiv, wenn man statt planmäßig und rücksichtslos linear vorzugehen, seine Aufmerksamkeit spontan etwas anderem schenkt und Verbindungen knüpft, sozusagen im Flow ist. In monochronen Systemen werden ferner die menschlichen Bedürfnisse ihrer Mitglieder unterschätzt und zwischenmenschliche Beziehungen vernachlässigt. Als „die goldene Mitte“ erscheint, Fähigkeiten im Umgang mit beiden Zeitsystemen zu entwickeln und der jeweiligen Situation angemessenen flexibel zwischen M-Zeit und P-Zeit hin- und herzuspringen bzw. ein entsprechendes Gemisch aus beiden einzusetzen.

Ein bemerkenswertes Beispiel bietet dafür wieder der japanische Ansatz, der traditionelle östliche Eigenschaften mit den modernen westlichen verbindet. In offiziellen und technischen Belangen, sowie wenn Japaner mit Fremden oder Ausländern in Kontakt treten, nehmen sie es mit der Zeit sehr genau und sie verhalten sich äußerst monochron. In anderen Lebensbereichen und wenn sie unter sich sind, wechseln sie zur polychronen Zeit. Sie erscheinen beispielsweise zu einem geschäftlichen Treffen pünktlich, doch sobald es begonnen hat, sind Zeitpläne nur noch von untergeordneter Bedeutung. Das Ende von Konferenzen und Besprechungen ist dann schwierig vorherzusagen, da sie naturgemäß so lange dauern, bis eine Übereinkunft erreicht wird, da Harmonie in Japan sehr wichtig ist. Deswegen wird es akzeptiert, dass man während einer Sitzung schläft, liest, schreit, einen Kaffee oder Tee holt oder sie vor dem Schluss verlässt.

Auch die USA sind ein spannendes Beispiel. Hall, der die Begriffe eingeführt hat, kommentiert in diesem Zusammenhang seine anfängliche grobe Beurteilung, dass in den Vereinigten Staaten die Zeit monochron ist. Bei näherer Betrachtung sind die US-Amerikaner sowohl monochron als auch polychron. Die Monochronie dominiert in den offiziellen Bereichen der Wirtschaft, den Behörden, des Berufslebens sowie des Sports. Dagegen lässt sich zu Hause, besonders in traditionellen Familien mit mehreren Kindern, wo die Frau zugleich den Haushalt führt und berufstätig ist und somit Multifunktionen der Ehefrau, Mutter, Erzieherin, Krankenpflegerin, Betreuerin, Chauffeurin und „general fixer-upper“ annimmt, die Polychronie erkennen. Sie ergibt sich automatisch und ist vielmehr eine Voraussetzung für das Funktionieren der Familie. Die monochrone und polychrone Zeit variieren somit je nach Lebensbereich und je nach Kultur.

In der nächsten Folge geht es weiter mit dem Thema kulturelle Unterschiede bei dem Umgang mit der Zeit. Morgen spreche ich über die sequentielle und synchrone Zeit. Und ganz zum Schluss eine persönliche Bitte:  Wenn Dir die Folge gefallen hat und du den Podcast „Deutschland und andere Länder“ im Allgemeinen sehr wertvoll findest, dann freue ich mich, wenn Du ihn bewertest und kommentierst. Damit hilfst Du mir, den Podcast sichtbarer zu machen und trägst dazu bei, dass auch andere Menschen von dem Wissen und den Inspirationen profitieren können. Vielen lieben Dank.

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