#51 Experiment zum Lebenstempo eines Ortes – schnelle und langsame Kulturen


Was sind Gründe für das unterschiedliche Lebenstempo in verschiedenen Ländern?

In jeder Kultur lässt sich ein unterschiedliches Lebenstempo finden. Deshalb gibt es auf der Welt langsamere und schnellere Kulturen. Der US-amerikanische Sozialpsychologe Levine beschäftigt sich genau mit diesem Thema in seiner Studie. Für diese untersuchte er in 31 Ländern folgende drei Eigenschaften: 1) die Fußgängergeschwindigkeit 2) die Wartezeit bei der Post und 3) die Genauigkeit der Uhren im öffentlichen Bereich. Seine Studie gibt unter anderem Aufschluss über folgende Fragen:

+ Welche Länder zählen zu den langsamen und welche zu den schnellen Kulturen?
+ Inwiefern hängt die Wirtschaft mit dem Lebenstempo an einem Ort zusammen?
+ Welche Rolle spielt der Individualismus und der Kollektivismus in diesem Kontext?
Natürlich werde ich Dir auch zahlreiche Beispiele aus meinen eigenen Reisen nennen, damit Du eine bessere Vorstellung über das Lebenstempo in unterschiedlichen Ländern erhältst.

 

Viel Spaß und wertvolle Erkenntnisse beim Anhören

Den interkulturellen Podcast „Deutschland und andere Länder“ gibt es auch unter:

https://itunes.apple.com/us/podcast/id1366874160

https://open.spotify.com/show/1x1qkOIpBPOgW23GdzTCrS?si=6gp_-lqwQd6uVEA4HzGKcQ

 

 

Zusätzlich gibt es hier die Folge  zum Nachlesen:

„Deutschland und andere Länder mit Anna Lassonczyk“ – Der erste und einzige Podcast in Deutschland, Österreich und der Schweiz, der sich mit interkultureller Kommunikation beschäftigt, spannende Impulse über fremde Länder liefert, entfernte Kulturen näher bringt und erfolgreiche Menschen mit internationaler Erfahrung interviewt.

Kulturen unterscheiden sich in den Wörtern wie „jetzt“, „sofort“, „gleich“, „bald“, „pünktlich“ oder „spät“. Dazu gibt es spannende Untersuchungen wie unter anderem von Levine, einem US-amerikanischen Sozialpsychologen. Er hat mit seinen Studenten eine Studie in 31 Ländern der Welt und in 36 Städten der USA gemacht. Er hat folgendes gemessen: 1) die Fußgängergeschwindigkeit im Bereich der Fußgängerzonen von Großstädten 2) wie lange es dauert, eine Standardbriefmarke am Postschalter zu kaufen 3) und wie genau, die öffentlichen Uhren dort sind.

Aus der deutschen Sicht wundert einen die dritte Frage. Doch in vielen Ländern der Welt ist es nicht selbstverständlich, dass Uhren die gleiche Uhrzeit anzeigen. Z.B. wenn wir zum Hauptbahnhof gehen, zeigt die Uhr unten höchst wahrscheinlich sogar auf die Sekunde genau das gleiche, was die Uhr am Bahnsteig zeigt. Dieselbe Uhrzeit lässt sich ebenfalls in einer Bank oder im Starbucks Café gleich neben an auffinden. Das ist in vielen Ländern nicht der Fall.

Als ich in Italien war, habe ich ein Foto im Vatikan am Sonntag gemacht, als der Papst am Sonntag seine Messe hielt. Auf dem Foto bemerkte ich zwei Türme, auf denen Uhren vorzufinden waren. Auf der einen Uhr war es 5 vor 9, während die andere auf 5 nach 9 zeigte. Das ist ein Unterschied von 10 Minuten.

In Brasilien können die Uhrzeiten sogar noch weiter auseinander liegen. Levine, der als Gastprofessor an einer Uni in Brasilien unterrichtet hat, erzählte, dass er sich auf den Weg zu seinem ersten Vortrag machte. Er ging rechtzeitig los, weil er den Weg nicht genau kannte. Er ging ganz gemütlich und guckte in das Schaufenster einer Bank. Dabei hätte er fast einen Herzinfarkt bekommen, weil der Uhr zufolge die Vorlesung schon angefangen hatte. Dann beschleunigte er seinen Schritt und ging an einer weiteren Uhr vorbei und sah, dass er noch eine halbe Stunde Zeit hatte. Als er zur Vorlesung kam, war die Hälfte der Studenten sowieso noch nicht da. Erst im Nachhinein kamen sie in den Vorlesungssaal rein getrottet. Am Ende hat sich so eine engagierte Diskussion ergeben, wo er sagte, dass er eine solche noch an keiner Uni erlebt hatte. Dass sie zu spät kamen, lag nicht daran, dass es faule Studenten waren, die nur Sonne und Karneval im Kopf hatten, sondern an deren Einstellung zur Zeit.

Aber jetzt wieder zurück zur Studie. Levine miss die Fußgängergeschwindigkeit, die Dauer bei der Post und die Genauigkeit der öffentlichen Uhren und fand dabei spannende Dinge heraus. Wenn ich jetzt im Training wäre, würde ich fragen: „Was meint ihr, welches Land hat gewonnen?“ Je schneller die Geschwindigkeit der Menschen auf der Fußgängerzone, je kürzer die Bedienungszeit bei der Post und je genauer die Uhr an öffentlichen Stellen, desto höher wäre das Land im Ranking. Da ich Dich nicht fragen kann, lasse ich Dir ein paar Sekunden zum Überlegen…. Und gewonnen hat: Die Schweiz! Deutschland hat den dritten Platz erreicht. Auf der Nummer Eins landet Deutschland bei der Bedienungszeit an der Post. Das liegt wahrscheinlich an dem schlauen System, bei dem die Menschen eine Schlange bilden und auf die entsprechende Personen verteil werden. Das kennen viele Länder nicht. Als ich in England war, dort ein Praktikum gemacht habe und öfters bei der Post war, habe ich teilweise Stunden in der Schlange gestanden. Aber Deutschland ist ja für seine Effizienz bekannt.

Den letzten Platz bei den 31 Ländern belegt Mexiko, davor befindet sich Indonesien, danach Brasilien, und dann haben wir noch El Salvador, Syrien und Jordanien. In der Mitte befinden sich Frankreich, Polen und die USA. Wenn Du die Tabelle haben möchtest, kann ich sie Dir gerne auf meiner Website zur Verfügung stellen. Du findest den Link in den Shownotes.

Aber gehen wir nun tiefer in die Materie rein. Levine hat sich gefragt, was hinter den unterschiedlichen Lebenstempi steckt. Was sind die Determinanten für das Tempo eines Ortes? Wovon hängt es ab, wie schnell Menschen leben? Er hat folgende fünf Faktoren formuliert, von denen das Lebenstempo an einem Ort abhängt.

  1. Wohlstand und die Wirtschaft, der wichtigste Faktor: Je höher die Wirtschaft eines Ortes, desto höher sein Tempo. Hierzu überlegt er, ob das Lebenstempo vom wirtschaftlichen Umfeld abhängt oder umgekehrt. Ist also die Wirtschaft und der Wohlstand so weit entwickelt, weil die Menschen sich so schnell bewegen oder umgekehrt?
  1. Der Grad der Industrialisierung: Je entwickelter ein Land ist, desto weniger freie Zeit bleibt pro Tag. Das ist einer der großen Ironien der Moderne, dass wir trotz all unserer zeitsparenden Erfindungen heute weniger Zeit für uns haben als je zuvor. Oft waren gerade die zeitsparenden Erfindungen verantwortlich für das Ansteigen der Arbeitsbelastung. Ein Grund dafür ist, dass fast jeder technische Fortschritt mit einer Steigerung der Erwartungen einhergeht.

Als zum Beispiel Ende des 17. Jahrhunderts in Holland billiges Fensterglas auf den Markt kam, wurde es plötzlich unmöglich, den Schmutz in den Häusern weiterhin zu ignorieren. Die modernen Staubsauger und die anderen Produkte haben die Sauberkeitsstandards der Völker noch gesteigert; sie fordern, dass die Menschen die Zeit aufwenden, die man braucht, um mit diesen Produkten den Kampf gegen die plötzlich schlagbaren Feinde, den Hausstaub und die Bakterien, aufzunehmen.

Ein anderer Forscher erklärt in diesem Zusammenhang: „Je höher eine Gesellschaft industrialisiert ist, desto bewusster, rationaler und sparsamer denken und handeln die Menschen in der zeitlichen Dimension. Das liegt im Wesenseigenen der Technik begründet, die ohne ein hohes Maß an Präzision, an Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit nicht möglich wäre.“ Aber jetzt wieder zurück zu den fünf Faktoren, die das Lebenstempo eines Ortes determinieren.

  1. Einwohnerzahl: Größere Städte haben ein schnelleres Tempo. Das können wir glaube ich sehr einfach nachvollziehen. Menschen in einem Dorf leben ruhiger und entspannter, als die in einer Großstadt.
  1. Klima: Heißere Orte haben ein langsameres Tempo.
  1. Kulturelle Werte: In individualistischen Kulturen bewegt man sich schneller als in vom Kollektivismus geprägten. Das heißt, dass in individualistischen Kulturen, in dem der Mensch für sich selbst entscheidet, die Menschen schneller leben als in kollektivistischen Ländern, wo man gruppenorientiert ist und z.B. auf die ganze Mannschaft warten muss, wenn man essen geht oder einen Raum verlässt.
  2. Als ich noch in Polen lebte, noch Teenagerin war und zu Partys gegangen bin, habe ich mal in den Morgenstunden gesagt: „So Leute, ich gehe jetzt mal nach Hause.“ Meine polnischen Freunde daraufhin: „Nein, nein Ania, entweder bleibst Du hier oder wir gehen alle. Wir sind hier zusammen zur Party gekommen und gehen auch wieder zusammen.“ In Deutschland ist es in Ordnung, wenn man früher als die anderen nach Hause geht. Klar, ab und zu werden wir aufgehalten und man fragt: „Magst Du wirklich nicht bleiben?“. Wenn wir dann mit „nein, wirklich nicht“ antworten, war es das dann auch. In Polen zwingen einen die Menschen zu bleiben und sagen: „Trink noch einen mit“. Drei Stunden später heißt es immer noch: „Jetzt wirklich der letzte.“ Deswegen gibt es auch diesen Spruch „der polnische Abgang“. Damit ist gemeint, dass man den Raum verlässt, ohne den anderen Bescheid zu sagen, weil man weiß, dass man in Polen aufgehalten wird. Wenn man das vermeiden möchte, sagt man einfach nichts.

Wenn Du Lust hast, teile es unten in den Kommentaren, in den sozialen Medien, auf der Website oder wo auch immer Du über diesen Podcast erfahren hast oder ihn Dir anhörst. Wenn Du interessant findest, was Du hier von mir zu hören bekommst, freue ich mich sehr als Dankeschön über eine Bewertung insbesondere auf iTunes.

 

Hier findest Du die versprochene Tabelle mit dem Lebenstempo in verschiedenen Ländern:

 

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