#47 Unterschiedliche Zeitauffassungen: Zyklisch vs. Linear, Konkret vs. Abstrakt


Leben nach der Uhrzeit oder Leben nach der Ereigniszeit?

In dieser Folger lernst Du die unterschiedlichen Zeitvorstellungen auf der Welt kennen. Was bedeutet eigentlich zyklische Zeit genau? Und woher kam der Wandel zur linearen Zeiteinteilung? Neben den Antworten auf diese Fragen erfährst Du:

+ Welche natürlichen Phänomene die unterschiedlichen Zeitauffassungen begründen
+ In welchen Ländern Ereigniszeit sogar ein Lebensmotto ist
+ Dass manche Völker in ihrer Sprache keine Wörter zur Zeitbeschreibung haben
+ Wie Zeit die Tätigkeiten, aber auch Tätigkeiten die Zeit beschreiben können
+ Wie unser Zeitverständnis sowohl unser Weltbild als auch unsere Existenzvorstellung prägt

 

Viel Spaß und wertvolle Erkenntnisse beim Anhören

Den interkulturellen Podcast „Deutschland und andere Länder“ gibt es auch unter:

https://itunes.apple.com/us/podcast/id1366874160

https://open.spotify.com/show/1x1qkOIpBPOgW23GdzTCrS?si=6gp_-lqwQd6uVEA4HzGKcQ

 

Zusätzlich gibt es hier die Folge zum Nachlesen:

„Deutschland und andere Länder mit Anna Lassonczyk“ – Der erste und einzige Podcast in Deutschland, Österreich und der Schweiz, der sich mit interkultureller Kommunikation beschäftigt, spannende Impulse über fremde Länder liefert, entfernte Kulturen näher bringt und erfolgreiche Menschen mit internationaler Erfahrung interviewt.

Gestern habe ich angedeutet, dass es einen großen Unterschied macht, ob eine Kultur sich die Zeit als eine Linie, also als eine Zeitachse, oder eher als einen Kreis begreift. Heute steige ich tiefer in diese Materie ein. Außerdem erfährst Du den Unterschied zwischen der abstrakten und der konkreten Zeitauffassung und woher der Begriff „eine Zigarettenlänge“ kommt. Auch erfährst Du den Unterschied zwischen dem Leben nach der Uhrzeit und dem Leben nach der Ereigniszeit. Legen wir los.

Eine als zyklisch bezeichnete Zeitvorstellung wird symbolisch entweder durch einen Kreis, welcher Statik und ständiges Wiederholen zum Beispiel von Naturereignissen zum Ausdruck bringt, oder durch eine Spirale, die für eine eher dynamische Wiederkehr auf einer jedes Mal höheren Stufe steht. Diese kreisförmige Vorstellung basiert auf rhythmischen Naturabläufen wie Tages- und Jahreszeiten. Sie charakterisiert archaische Gesellschaften sowie östliche Philosophien und schlägt sich auch in der buddhistischen und hinduistischen Wiedergeburtslehre sowie in der chinesischen Geschichtsbeschreibung nieder. Wenn wir uns die biologischen und kosmischen Regelmäßigkeiten anschauen, ist das zyklische Zeiterleben sicherlich das ursprünglichere, es ist besonders im Bauernleben durch wiederkehrende Aussaat und Ernte erfahrbar. Eine Veränderung des früher vorherrschenden zyklischen zu einem linearen Zeitkonzept ging mit der Ausbildung des Zeitmessens einher.

Die lineare Zeitauffassung ist im Kontrast dazu auf monotheistische Konfessionen, z.B. Christentum, Judentum und Islam zurückzuführen. Sie entspricht dem westlichen Fortschrittsgedanken und wird durch einen nach oben gerichteten Pfeil oder eine unendlich aufsteigende Linie, die andauerndes Fortschreiten betont, symbolisiert. Durch diese Ausrichtung hat die Zukunft gegenüber der Vergangenheit und der Gegenwart einen höheren Wert, denn nach dem linearen Zeitverständnis begreift man Zeit nicht passiv, sondern aktiv als eine vom Menschen gestaltbare und beeinflussbare Größe. Der damit verbundene Glaube an die nahezu grenzenlose Berechenbarkeit, Vorhersehbarkeit, Planbarkeit und Kontrollierbarkeit tritt am stärksten in Erscheinung in Industriegesellschaften.

Im Westen tendieren wir dazu zu glauben, dass jeder Moment nur ein Mal erlebt werden kann und wir nur das eine Leben haben. Die Kulturen, die Zeit als einen Kreis begreifen, haben eine viel lockere Einstellung zur Zeit nach dem Motto: „Wenn etwas heute nicht passiert, dann machen wir es halt morgen. Wenn nicht diesen Sommer, dann im nächsten. Wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten.“

Mit der Unterscheidung zwischen der zyklischen und der linearen Zeitauffassung, ist ein anderer Unterschied verbunden, und zwar zwischen der konkreten und der abstrakten Zeitauffassung. Eine konkrete Zeitvorstellung, die in den traditionellen Gesellschaften zu finden ist, ist mit bemerkbaren Vorgängen wie Mondzyklen, Tierwanderungen, Überschwemmungen gekoppelt. Demgegenüber wird die Zeit in einer abstrakten Zeitkonzeption präzise und nach einem System z.B. in Minuten, Stunden oder Wochen gemessen. Der Begriff „abstrakt“ ist damit begründet, dass diese Zeiteinheiten von Umweltereignissen weitgehend getrennt erschaffen wurden. In der Menschheitsgeschichte hat sich die Zeitmessung von der konkreten Umwelt- und Naturgebundenheit bis hin zu der abstrakten Zeitauffassung entfaltet. Das heißt, dass wir erst mal Zeit nach dem Ebbe- und Flut-Prinzip gemessen haben und jetzt als soziales Ordnungsprinzip auffassen.

Die häufige Anwendung von Uhren und Kalendern sowie Setzung von Fristen und Zeitnormen bringt zum Vorschein, wie tief der Alltag westlicher, moderner Gesellschaften vom abstrakten Zeitkonzept durchdrungen ist. Überreste der konkreten Zeitvorstellung sind noch z.B. an dem Ausdruck „Zigarettenlänge“ zu erkennen. Eine weitere Ausnahme bildet hier die Existenz von Jahres- und Tageszeiten wie Vormittag oder Abend. Sonst benutzen wir heutzutage bei Terminverabredungen mit Natur verbundene Bezeichnungen wie „bei Sonnenaufgang“ oder „mit der Vogelwanderung“ eher selten in westlichen Gesellschaften.

Wir haben so sehr an die Herrschaft der Uhren gewöhnt, dass Uhren uns selbstverständlich erscheinen. Es gibt aber zwei Arten zu leben: Leben nach der Uhrzeit und Leben nach Ereigniszeiten. Der Unterschied besteht darin, was den Beginn und das Ende von Aktivitäten bestimmt. Während es im Leben nach der Uhrzeit die Uhr ist, gelten in der Ereigniszeit die Tätigkeiten und die Ereignisse selbst als Zeitmesser. Hier lässt man den Aktivitäten ihren natürlichen, spontanen, freien Lauf. Zur Veranschaulichung des Lebens nach der Ereigniszeit möchte ich einen meines Erachtens schönen, nostalgischen und nachdenklichen Auszug aus dem Roman „Und immer wieder die Zeit“ zitieren:

„In einer Welt, in der die Zeit nicht gemessen werden kann, gibt es keine Uhren, keine Kalender, keine eindeutigen Verabredungen. Ereignisse werden durch andere Ereignisse ausgelöst, nicht durch den Fortgang der Zeit. Man beginnt mit dem Hausbau, wenn das Bauholz und die Steine an der Baustelle eintreffen. Der Steinbruch liefert Steine, wenn der Steinbruchbesitzer Geld braucht. Der Rechtsanwalt verlässt sein Haus und vertritt seinen Mandanten vor dem Bundesgericht, wenn seine Tochter einen Witz über seine beginnende Glatze macht. […] Züge fahren aus dem Bahnhof, wenn sämtliche Plätze in den Waggons besetzt sind. In einer Welt, in der Zeit eine Qualität ist, prägt man sich die Ereignisse ein, in dem man sich an die Farbe des Himmels erinnert, […] die Begegnungen zweier Menschen sind keine fixierten Punkte in der Zeit, die sich mit der Angabe von Stunde und Minute festhalten ließen.[…] Vor langer Zeit, bevor es die Große Uhr gab, wurde die Zeit anhand von Veränderungen der Himmelskörper gemessen: an der langsamen Wanderung der Sterne über den Nachthimmel, am Bogen der Sonne und den Schwankungen des Lichts, am Zu- und Abnehmen des Mondes, an den Gezeiten des Meers und den Jahreszeiten. Die Zeit wurde am Herzschlag gemessen, an den Rhythmen der Schläfrigkeit und des Schlafs, an der Wiederkehr des Hungers, am Menstruationszyklus von Frauen, an der Dauer der Einsamkeit.“

Wenn Dich dieser Abschnitt inspiriert hat und Du Lust auf mehr bekommen hast, kannst Du gerne mehr dazu im Buch „Immer wieder Zeit“ von Lightman nachlesen.

Anthropologen bringen reichliche Beispiele für gegenwärtige Ereigniszeitkulturen. Die Ereigniszeit wurde in einigen Ländern zu einer Lebensphilosophie erhoben. Beispielsweise besagt ein mexikanisches Sprichwort: „Darle tiempo al tiempo“, was auf Deutsch „der Zeit Zeit geben“ bedeutet.. In Afrika, auf der anderen Seite der Erdkugel, ist man der Meinung, dass „auch die Zeit Zeit braucht“.

Ein anderes Phänomen, das in der Verbindung mit der konkreten Zeitauffassung beziehungsweise dem Leben nach Ereigniszeit steht, sind Sprachen, die Angaben über die Zeit lediglich indirekt ausdrücken. In manchen Sprachen, wie der des Indianerstamms der Hopi, ist der Begriff „Zeit“ überhaupt nicht vorhanden. Anstatt die Uhrzeit zu beachten, berücksichtigen die Ereigniszeit-Menschen vielmehr die Uhr der Natur.

Die Art und Weise, wie Verabredungen im zentralafrikanischen Burundi getroffen werden, bietet dafür ein perfektes Beispiel. Will man sich dort für ein Treffen früh am Morgen verabreden, sagen die Menschen: „Okay, wir sehen uns morgen früh, wenn die Kühe auf die Weide gehen“. Für ein Treffen am Mittag heißt es: „Wenn die Kühe zum Fluss trinken gehen“. Präzisere Angaben wie „in der zweiten Hälfte der Zeit, in der die Kühe zum Trinken draußen sind“ sind nicht erforderlich und nutzlos, da man sowieso nicht exakt vorhersehen kann, wann die Kühe hinausgeführt werden. Bei Beschreibungen der Nacht benutzt man ebenfalls bildliche Formulierungen. Eine sehr dunkle Nacht wird als eine „Wer bist du?-Nacht“ bezeichnet, weil es so dunkel ist, dass man sein Gegenüber nur an der Stimme erkennt. Für den Fall einer nächtlichen Verabredung stehen Ausdrücke „als niemand wach war“ oder „fast schon Morgenlicht“ parat. Eine zusätzliche, ausdrucksvolle Darstellung des Umstandes, dass nicht die Zeit die Tätigkeiten festlegt, sondern die Tätigkeiten zum Zeitmessen benutzt werden, bieten die in Madagaskar üblichen Zeiteinheiten wie „solange es dauert, eine Heuschrecke zu braten“ für einen Augenblick, sowie „die Zeit, die man zum Reiskochen braucht“ für ca. eine halbe Stunde.

Als weitere Beispiele für Völker, in denen einige sprachliche Ausdrücke in Bezug auf Zeit fehlen, sind Thai und Hopi zu nennen, die keine Verbzeiten kennen. Sie behandeln Vergangenheits- und Zukunftsformen mit Zeitadverbien. Außerdem drücken die Hopi wie auch das Kachin-Volk in Nordburma Zeitvorstellungen mit Adverbien statt mit Substantiven aus. Das hat beispielsweise zur Folge, dass es bei den Hopi die Formulierung „Sommer ist heiß“ nicht geben kann, da die Jahreszeit Sommer eigenschaftswörtlich mit „heiß“ bezeichnet wird. Zudem besitzen die Sioux kein einzelnes Wort für „Zeit“, „spät“ oder „warten“. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an Sprachprobleme bei der Übersetzung einer Umfrage in Mexiko, anhand derer festzustellen war, wann die Untersuchten jemanden zu einer bestimmtem Verabredung erwarteten, wie lange sie hofften, dass derjenige doch noch käme und wie lange sie warteten: Es zeigte sich nämlich, dass für die Verben „erwarten“, „hoffen“ und „warten“ für das Spanische und ebenso für das Portugiesische nur die Übersetzung „esperar“ besteht. Diese Sprachen Kulturen differenzieren also nicht zwischen „erwarten“, „hoffen“ und „warten“.

In der morgigen Folge erfährst Du mehr über die monochronen und polychronen Kulturen. Menschen in monochronem Kulturen bringen eine Aufgabe gerne zu Ende, bevor sie sich mit der nächsten Sache beschäftigen. Polychrone Kulturen nennt man umgangssprachlich „Multitasking Kulturen“, da die Menschen es lieben, mehrere Dinge gleichzeitig stattfinden zu lassen.

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