#39 Live Mitschnitt: Die Gefühlszustände bei einem Auslandsaufenthalt


Der Kulturschock bei der Ankunft und bei der Rückkehr

In der heutigen Folge geht es um die Emotionen, die bei einem Auslandsaufenthalt entstehen. Dabei spreche ich auch über meine persönlichen Erfahrungen, die ich während meines Umzugs von Polen nach Deutschland gemacht habe. Wir gehen folgenden Fragen auf den Grund:

+ Welche Gefühlszustände spüre ich vor dem Beginn des Auslandsaufenthaltes?
+ Was ist eine Honeymoon-Phase?
+ Wann kommt es zum Kulturschock?
+ Wieso entsteht ein Rückkehrkulturschock nach der Zeit im Ausland?

Viel Spaß und wertvolle Erkenntnisse beim Anhören

Den interkulturellen Podcast „Deutschland und andere Länder“ gibt es auch unter:

https://itunes.apple.com/us/podcast/id1366874160

https://open.spotify.com/show/1x1qkOIpBPOgW23GdzTCrS?si=6gp_-lqwQd6uVEA4HzGKcQ

 

Zusätzlich gibt es hier die Folge zum Nachlesen:

„Deutschland und andere Länder mit Anna Lassonczyk“ – Der erste und einzige Podcast in Deutschland, Österreich und der Schweiz, der sich mit interkultureller Kommunikation beschäftigt, spannende Impulse über fremde Länder liefert, entfernte Kulturen näher bringt und erfolgreiche Menschen mit internationaler Erfahrung interviewt.

Hör Dir jetzt einen Live-Mitschnitt des Vortrags „Gefühlszustände bei einem Auslandsaufenthalt“ an. Was passiert mit unseren Gefühlen, wenn wir für eine kürzere oder längere Zeit im Ausland sind? Oder anders ausgedrückt: Was sind die Phasen des Kulturschocks?

Es beginnt mit einem ganz normalen Gemütszustand, wie wir das auch im Alltag gewöhnt sind. Vor dem Auslandsaufenthalt kommt ein Schub von Glückgefühlen und Energie hoch. Das ist häufig der Fall, wenn wir eine Zusage erhalten zum Beispiel wenn unser Arbeitgeber uns mitteilt, dass wir die Stelle, die wir im Ausland angestrebt haben, genehmigt bekommen oder wenn ein Student nach der Bewerbung um einen Erasmus Studiengang eine Zusage bekommt. Es kommt zu dem entscheidenden Moment, in dem wir beschließen, ins Ausland zu gehen. Wir sind super froh.

Nach dieser Phase, kurz bevor wir umziehen, kommt es zu einer Stressphase. Wir haben viele Sachen zu erledigen zum Beispiel muss die Wohnung gekündigt, eine Wohnung im Ausland gesucht und ein neuer Handytarif abgeschlossen werden. In Ländern wie Indien oder in afrikanischen Ländern wollen wir uns vielleicht zusätzlich impfen. Zudem brauchen wir eine Krankenversicherung, wenn das Zielland nicht zur EU gehört. Wir sind also mit Organisationskram beschäftigt. Wir überlegen, was wir alles brauchen nicht, brauchen, was wir kaufen und neu verkaufen können.

Dann kommt schließlich der große Tag: Der Auslandsaufenthalt beginnt, wir ziehen um. Am Anfang gehen unsere Gefühle nach oben. Wir leben die „Honeymoon“-Phase. Wir haben es geschafft, unsere Träume werden wahr, wir sind super stolz auf uns. Das, worauf wir solange hingearbeitet haben, kommt in Erfüllung. Neue Wohnung, neuer Job und neue Menschen. Das ist die Anfangs-Begeisterung. Ich kann mich daran erinnern, als ich alleine mit einem Koffer nach Deutschland umgezogen bin, damals noch mit einem Walkman und ein paar Lieblingsschuhen. Ich glaube, dass ich jetzt schon allein für diese einen ganzen Koffer bräuchte. Am Anfang war ich sehr energievoll und begeistert. Zum ersten Mal im Leben hatte ich meine eigene Wohnung. In Polen hingegen habe ich mit meiner Schwester ein Zimmer geteilt. Zum ersten Mal verdiente ich mein eigenes Geld und ich lernte viele tolle Menschen kennen.

Nachdem diese Phase vorbei ist, habe ich gemerkt, dass alles gut klappt. Ich habe einen Studienplatz bekommen, habe eine Wohnung gefunden, mit dem Geld passt auch alles, auch schaffe ich es, die Prüfungen von Semester zu Semester zu absolvieren. Deshalb hatte ich nun Zeit, um in mich hinein zu horchen. Am Anfang hingegen passiert einfach so viel Neues, dass wir überwältigt sind von diesen Honeymoon-Glücksgefühlen und gar nicht die Zeit haben, uns wirklich Gedanken zu machen. Nach dieser Phase habe ich aber gemerkt: An sich ticken die Deutschen anders als die Polen. Ich habe angefangen, Dinge zu vermissen, die es in Polen aber nicht in Deutschland gibt. Auch musste ich häufig an meine Freunde in Polen denken. Am Anfang habe ich gar keine Zeit dafür gehabt. In dieser Phase fangen wir also an, Dinge zu vermissen. Bei Deutschen, die in die USA oder in ein anderes weit entferntes Land umziehen, ist es oft das Schwarzbrot, das ihnen fehlt. Das sind so Kleinigkeiten, die wir von zuhause gewöhnt sind, die es aber im Ausland nicht gibt. Das ist die Kulturschockphase. Diese tritt nach einem Zeitraum zwischen drei Monaten und drei Jahren in dem Zielland auf. Sie kann teilweise zu psychischen und physischen Krankheiten führen. Wir kapseln uns ab, mit den Menschen in diesem Land wollen wir gar nichts zu tun haben. Manchmal ähnelt es einer Depression. Es ist alles einfach zu viel, wir sind in uns gekehrt und haben so wenig wie möglich Kontakt mit der Außenwelt.

Nach dieser Kulturschockphase kommen wir wieder mit unserer Stimmung und unseren Gefühlen hoch. Wir passen uns stufenweise an, mit einigen Tiefen und einigen Höhen, die aber viel kleiner in der Ausprägung verlaufen als die erste Honeymoon-Phase oder der Kulturschock. Ich für mich habe festgestellt, dass ich viele Sachen an Deutschland und den Deutschen schätze und diese mich begeistern. Es gibt aber auch viele Dinge, die ich als typisch polnisch bezeichnen würde und die mir auch gefallen und mir im Leben helfen. Diese möchte ich ebenfalls nicht missen. Diese beiden Teile von mir habe ich in mir vereinigt. In Deutschland werde ich oft als Polin wahrgenommen, in Polen werde ich dagegen als Deutsche empfunden zum Beispiel, weil ich Dinge sehr schnell erledigt haben möchte. Da gibt es Eigenschaften, die ich von Deutschland angenommen habe. In der Phase der stufenweisen Anpassung bin ich zu der Ansicht gekommen, dass es gut ist, so wie es ist. Das passt. Ich konnte die Vorteile aus beiden Ländern, das heißt aus meinem Ursprungsland und aus meinem neuen Land, wo ich hingezogen bin, schöpfen. Ich habe das alles so in meinem Kopf geordnet, dass ich glücklich leben kann.

Wenn wir uns nicht dafür entscheiden, lebenslang im Ausland zu bleiben, kommt der Tag, an dem wir in unserem Fall nach Deutschland zurückkommen. Bei Entsendungen von Unternehmen, die ich berate und coache, geschieht das nach zwei bis drei Jahre. Was passiert dann? In Deutschland angekommen, freuen wir uns über die Sachen, die wir in der Kulturschockphase vermisst haben wie das besagte Schwarzbrot. Vor allem aber freuen wir uns auf die Freunde, die wir lange nicht gesehen haben, vielleicht auf unsere alte Wohnung, auf unsere Familie und darauf einfach wieder zuhause zu sein.

Ob das ein zuhause ist, ist nun die Frage, weil wir ziemlich schnell feststellen, dass sich viele Dinge während unserer Abwesenheit geändert haben. Einige Freunde haben geheiratet, sind weggezogen, vielleicht auch im Ausland, vielleicht sind einige sogar gestorben oder die Umgebung, in der wir vorher gewohnt haben, könnte sich verändert haben. Das Leben in dem Unternehmen, in dem wir gearbeitet haben, lief auch weiter, weshalb wir dort nicht mehr up-to-date sind. Wir wollen unseren Kollegen erzählen, welche neuen Ansichten wir gewonnen haben und was das Unternehmen im Ausland jetzt besser machen könnte. Wir waren ja erst vor kurzem dort. Wir kennen uns jetzt aus und haben viele Ideen, die wir teilen wollen. Oft verhalten sich die Kollegen jedoch so, dass sie kurz zuhören, sich dann aber mit dem eigenen Leben und dem Berufsalltag beschäftigen. Sie wollen gar nicht über unsere Erkenntnisse und die Veränderungen hören, die wir empfehlen, in ihrem Leben einzuführen. Wir merken aber auch, dass die Freunde, denen wir von unseren Erfahrungen im Ausland erzählen, zwar zuhören, aber nicht so richtig nachvollziehen können, was wir sagen. Das ist für viele besonders schwierig, wenn es um ein Land geht, in dem das Leben ganz anders aussieht wie zum Beispiel in Indien oder den arabischen Ländern. Wir fühlen uns oft missverstanden und sind fremd in der eigenen Heimat. Das wird als Rückkehrkulturschock bezeichnet. Dieser ist auch der Grund dafür, dass ein beachtlicher Teil von den Mitarbeitern, die von einem Unternehmen ins Ausland geschickt und nicht von einem Coach oder Trainer betreut werden nach der Rückkehr kündigen.

Wenn Du dich gerade in einem Kulturschock oder in einem Rückkehrkulturschock befindest und mit mir Deine Eindrücke teilen möchtest, freue ich mich von Dir zu hören.

Morgen hörst Du einen Live-Mitschnitt des Vortrags „Vier Methoden, um mit interkulturellen Konflikten umzugehen“.

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